Öffentliche Mitwirkung ist bei grösseren Infrastruktur- oder Immobilienprojekten unerlässlich, ja gesetzlich vielerorts sogar vorgeschrieben. Damit eine lösungsorientierte Mitwirkung gelingt, bietet Mediation hilfreiche und unerlässliche Vorgehenskonzepte, wie das folgende Beispiel zeigt.

Hansjörg Ryser, Mediator SKWM/FSM und Kommunikationsspezialist *

Er ertrage die ewigen Grundsatzdiskussionen nicht mehr, wirft der Vertreter der Wirtschaft in die Runde. Mit diesen Worten erhebt er sich und verlässt den Saal. Er und andere Vertreter aus Wirtschaft und bürgerlichen Verkehrsverbbänden machen ihren Unmut unmittelbar darauf in den Medien kund. Der von den Behörden hoffnungsvoll gestartete Dialog zur Mobilitätsplanung scheint nach wenigen Monaten bereits gescheitert. Eine breit abgestützte Mitwirkung mit verschiedenen Interessengruppierungen ist nach diesem Eklat nicht mehr denkbar.

Mitwirkung auf breiter Front

Dabei gäbe es zentrale Fragen zu klären. Wie soll die Mobilität in der Region künftig geplant und gestaltet werden. Braucht es dazu eine Autobahnlösung als Umfahrung? Und wenn ja, wo und wie soll sie geplant werden? Welche Alternativen sind denkbar, damit die weiterwachsende Mobilität in der Region sicher und nachhaltig gestaltet werden kann?

Den Behörden der besagten Region war darum eine aktive Mitwirkung der verschiedenen Gruppierungen aus Wirtschaft, Verkehr und Umwelt sowie Bürgerkomitees von Beginn weg sehr wichtig. Man wolle mit Transparenz und regemässigem Informationsaustausch in einem frühen Stadium Vertrauen für die künftigen Projekte schaffen, betont der Vorsitzende der Behördendelegation und Stadtpräsident. Die Behördendelegation, der neben ihm auch Vertreter des Kantons und der Nachbargemeinden angehören, betrauen den Schreibenden, als Mediator und Spezialist für Kommunikation und Partizipation, mit dem Versuch eines Neustarts der Mitwirkung.

Die Milchsuppe hat gefehlt

In einem ersten Schritt werden die Vertreterinnen und Vertretern der verbliebenen Gruppierungen zu einer Standortbestimmung eingeladen. Die Aussprache zeigt, dass fehlende Empathie und Wertschätzung aber auch unklare Rollenverteilung, insbesondere bei der Leitung der bisherigen Mitwirkungsgruppe zum Scheitern geführt hat. «Die Milchsuppe hat gefehlt», um die sich alle setzen können, stellt ein Teilnehmer fest. Zudem wird die detaillierte Protokollführung bemängelt, welche zu jedem Sitzungsbeginn zu ausufernden und polemischen Debatten führt. Der Informationsgehalt und der Austausch in den jeweiligen Workshops wurden hingegen geschätzt. Mehr Verständnis für die unterschiedlichen Ansichten werden vorgeschlagen, klare Spielregeln und Aufgabenzuteilung wie auch eine neutrale Leitung sowie kürzere Protokolle.

Einhellig möchten die Teilnehmenden die aktive Mitwirkung in einem breiten Spektrum an Gruppierungen fortführen. Dieses Fazit kann der Schreibende auch aus zahlreichen Einzelgesprächen ziehen, die er im Anschluss mit den Vertreterinnen und Vertretern der Gruppierungen führt, welche die Mitwirkung verlassen hatten.

Zusammen gute Lösungen suchen

Aus all den Hinweisen, Anregungen und Vorschlägen entsteht schliesslich das Konzept für einen Neustart mit einem Forum. Nach Zustimmung der Behördendelegation werden die Gruppierungen und die Behördenvertreter, -vertreterinnen zur gemeinsamen Besprechung des neuen Konzepts eingeladen. Auch die ausgetretenen Gruppierungen sind im dicht besetzten Sitzungsraums des Stadtpräsidiums wieder dabei.

Nach einer kurzen Vorstellung der wichtigsten Punkte des neuen Konzepts besprechen die Teilnehmenden den Nutzen eines solchen Forums, ihre Erwartungen aber auch Befürchtungen. Anstatt Pro- und Contra-Debatten wollen die Teilnehmenden gemeinsam Themen besprechen und ihre spezifischen Kenntnisse einbringen können. Dazu wünschen sie von den Behörden unter anderem eine regelmässige Rückmeldung, was aus dem Forum in die Planungen eingeflossen ist. Anstelle eines Protokolls wird künftig ein Bericht des Forumsleiters zu den jeweiligen Veranstaltungen erstellt und auf der Internetseite publiziert. Die Behörden erwarten ihrerseits mehr Verständnis zur Rollenverteilung und versprechen mehr inhaltliche Transparenz.  «Zusammen gute Lösungen suchen» lautet ein Konsens aus diesen Gesprächen. Besonders versöhnlich stimmte die Aufgabe, bei welcher sich jeweils zwei zufällig ausgewählte Teilnehmende aus unterschiedlichen Interessenlagen darüber austauschen mussten, warum ihnen die Mitwirkung des, der anderen wichtig ist.

Breit abgestützte Handlungsempfehlungen

Unschwer ist im Vorgehen ein Mediationsablauf zu erkennen. Und tatsächlich war die Methode der Mediation für die Klärung diese Auseinandersetzung unentbehrlich. Mit diesen sehr ungewohnten, aber angeregten Gesprächen ist es gelungen das Vertrauen und die Bereitschaft zur Mitwirkung wiederherzustellen. Nach neun Forumsveranstaltungen haben die Behörden schliesslich diesen Herbst eine breit abgestützte Liste an politischen Handlungsempfehlungen für die künftige Mobilitäts- und Verkehrsplanung in der Region verabschieden können. Die Handlungsempfehlungen werden durch umfassende Abklärungen und Studien untermauert, welche die Forumsteilnehmenden aktiv begleitet haben.


*Hansjörg Ryser ist als Mediator SKWM/FSM nebenberuflich Teilhaber von FR & Partner, ein Beratungsunternehmen für Mediation, Kommunikation und Stressprävention. Hauptberuflich leitet er die Schlichtungsstelle einer grossen Schweizer Versicherungsgruppe.